In Berlin leben heute viele internationale Künstler, die das kulturelle Klima der Stadt als eines der aktuell spannendsten in der Welt ebenso schätzen, wie sie wesentlich dazu beitragen, es zu gestalten. Die Temporäre Kunsthalle Berlin bekennt sich mit den ersten vier Einzelausstellungen zu wichtigen hier vertretenen künstlerischen Positionen und stellt diese vor. Die Abfolge versteht sich als Spannungsbogen, der die Vielfalt und Widersprüchlichkeit der zeitgenössischen, internationalen Kunst in Berlin in das Zentrum der Aufmerksamkeit rückt.

Die Arbeiten von Simon Starling (* 1967) handeln von natürlichen und kulturellen Transformationsprozessen. Sie entwickeln sich aus einer Reihe von gedanklichen und praktischen Schritten, die wie eine Versuchsanordnung anmutet und gleichzeitig so etwas wie die Erzählung einer Verwandlung ist. Im Mittelpunkt von Starlings Ausstellung in der Temporären Kunsthalle Berlin stehen zwei Installationen, die um das Klima als notwendige Voraussetzung für die Existenz natürlicher oder künstlicher Systeme kreisen. Wird im einen Fall eine südliche Pflanze in den Berliner Winter verlagert, wobei das Transportmittel zugleich für die richtigen klimatischen Verhältnisse sorgt, stellt im anderen ein natürliches System die geeigneten Bedingungen für die Präsentation empfindlicher Artefakte her. Wenn Starling von solchen Vertauschungen erzählt, liefert er keine lückenlosen Berichte oder dramatischen Schilderungen. So nachvollziehbar seine gedanklichen und materiellen Konstruktionen sind, es bleiben poetisch-fragile Andeutungen, die ebenso eigensinnig wie ästhetisch beeindruckend sind.
Kurator: Dr. Julian Heynen

Die raumgreifende Malerei von Katharina Grosse (*1961, Freiburg im Breisgau) ist von einem Impuls der Anarchie getragen. Sie eröffnet Handlungsspielräume, wie sie seit der Sakralmalerei des Barock beispiellos sind. Leinwände und Objekte, ganze Innenräume und Gebäudeteile werden zum Bildraum, Grenzen werden aufgelöst, Hierarchien bleiben beweglich. Grosse bezieht ihr Publikum auf physisch-geistiger Ebene unmittelbar in ein ästhetisches Geschehen ein, das über die materielle Wirklichkeit hinaus weist. Der materielle Raum wird durch ihre Malerei illusionistisch überschrieben. Damit bringt die Malerin Denkmodelle ins Spiel, die, wie sie selbst betont, auf eine "eventuell größtmögliche Freiheit" hinauslaufen. Für die Kunsthalle entsteht ein neuer Werkkomplex.
Kuratorin: Dr. Katja Blomberg

Das Überraschende ist konstitutiv für die gesellschaftlich engagierten Arbeiten des Künstlerduos Jennifer Allora (* 1974, Philadelphia, USA) und Guillermo Calzadilla (* 1971, Havanna, Kuba). Ihre Werke beschäftigen sich mit abstrakten Raumkategorien und loten die elementare, sinnliche Gegenwart der Skulptur zwischen konkreter Materialwirkung und metaphorischer Bildlichkeit aus. Allora & Calzadillas Werke sind häufig auf einen bestimmten Ort, auf historische Prozesse und Ereignisse bezogen. Humorvoll und spielerisch-poetisch entziehen sich ihre Werke den Spielregeln der unmittelbaren Verwertbarkeit auf dem Kunstmarkt, um zugleich emphatische, tief im Bewusstsein der Menschen verankerte Bilder und Chiffren hervorzubringen - in einer Gratwanderung zwischen Geschichte und Gegenwart, zwischen Zwang, Aggressivität und erlösenden Momenten.
Kurator: Dr. Dirk Luckow